Prostatakrebs-Therapie

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2018 VON Magdalena Glawe

Vollständige Prostataentfernung - radikale Prostatektomie

Magdalena Glawe
Ärztin und Patientenbeauftragte

1. Was ist eine vollständige Prostataentfernung?

Bei der vollständigen Prostataentfernung handelt es sich um einen operativen Eingriff. In der medizinischen Fachsprache bezeichnet man ihn als radikale Prostatektomie. Der Ausdruck “vollständig” oder “radikal” bedeutet, dass die gesamte Prostata mit ihrer Kapsel, den Samenblasen und einem Teil des Samenleiters entfernt wird. Häufig werden auch die Lymphknoten im Becken mit entfernt.

Vereinfachte Darstellung des Unterbauchs und Beckens beim männlichen Körper im Längsschnitt mit den dort gelegenen Organen, wobei die kastanienförmige Prostata vor dem Enddarm unterhalb der Harnblase liegt und die Harnröhre wie eine Manschette umschließt

Lage der Prostata im männlichen Körper

2. Wann wird eine vollständige Prostataentfernung durchgeführt?

Die vollständige Prostataentfernung kommt sowohl beim lokal begrenzten als auch beim lokal fortgeschrittenen Prostatakrebs zum Einsatz. Das Ziel der Behandlung unterscheidet sich aber je nach Ausdehnung des Tumors:

Ausdehnung des Tumors

Ziel der Behandlung

lokal begrenzt: Krebs wächst innerhalb der Prostata und hat die umgebende Kapsel nicht durchbrochen

vollständige Entfernung des Tumors, Heilung des Patienten

lokal fortgeschritten: Krebs hat die Prostatakapsel durchbrochen

Linderung von Beschwerden (palliative Behandlung)

Ausdehnung des Tumors 

 lokal begrenzt: Krebs wächst innerhalb der Prostata und hat die umgebende Kapsel nicht durchbrochen  lokal fortgeschritten: Krebs hat die Prostatakapsel durchbrochen 

Ziel der Behandlung

 vollständige Entfernung des Tumors, Heilung des Patienten  Linderung von Beschwerden (palliative Behandlung) 

Das Ziel dieser Behandlungsmethode ist es, die vom Krebs betroffene Vorsteherdrüse mit allen Krebszellen zu entfernen. Dazu werden bei vielen Patienten zusätzlich möglichst alle Lymphknoten im Becken entfernt. Gelingt dies und wächst der Krebs innerhalb seiner Kapsel, kann der Patient durch den Eingriff geheilt werden.

Da Prostatakrebs häufig langsam wächst, entwickelt sich das Vorgehen der Urologen in den letzten Jahren tendenziell weg vom relativ aggressiven Vorgehen der Prostataentfernung hin zu einem zurückhaltenderen Vorgehen. Als alternative Behandlungsmethode kommt daher die aktive Überwachung (Active Surveillance) in Frage. Auch die Bestrahlung kann eine Behandlungsmöglichkeit darstellen.

3. Wann kommt die Operation nicht als Behandlungsoption in Frage?

Die vollständige Prostataentfernung kommt als Behandlungsmethode dann nicht mehr zum Einsatz, wenn der Krebs Streuherde (Metastasen) in anderen Organe gebildet hat. Dies wird auch als Metastasierung bezeichnet. Da der Krebs dann nicht mehr nur in der Prostata wächst, kann der Patient nicht durch die alleinige Entfernung der Prostata vom Krebs befreit werden. Zu den Behandlungsmöglichkeiten bei gestreutem Prostatakrebs finden Sie hier weitere Informationen: Chemotherapie bei Prostatakrebs, Hormontherapie bei Prostatakrebs.

Gegenanzeigen

Außerdem gibt es einige Gründe, die gegen die Durchführung einer vollständigen Prostataentfernung sprechen können:

  • bei Prostataentfernung über einen Unterbauchschnitt:
    • starkes Übergewicht des Patienten
      • kürzlich zurückliegende oder mehrfache Operationen im Unterbauch
  • bei Prostataentfernung über einen Dammschnitt:
    • Erkrankung der Wirbelsäule oder des Hüftgelenks, aufgrund derer der
      Patient nicht in der Steinschnittlage liegen kann
    • stark vergrößerte Prostata > 100 Gramm
  • bei Prostataentfernung über einen Schlüssellocheingriff
    • schwere chronische Lungenerkrankung
    • schwere Herzschwäche (Herzinsuffizienz)
    • Bauchfellentzündung (Peritonitis)
    • Darmverschluss (Ileus )
    • aktive Blutung
    • große Aussackung der Hauptschlagader (Aortenaneurysma)
    • stark beeinträchtigter Allgemeinzustand

(Diese Auflistung nennt die wichtigsten Gegenanzeigen und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

Neues Medikament für Männer mit Prostatakrebs ohne Metastasen wird untersucht

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4. Wie wird eine vollständige Prostataentfernung durchgeführt?

Vorbereitung

Bevor eine Prostataentfernung durchgeführt wird, müssen einige Vorbereitungen getroffen werden. Zunächst muss die Notwendigkeit einer Operation festgestellt worden sein. Danach wählt der Urologe anhand vollständiger Befunde das für den Patienten optimale Operationsverfahren aus. Der Patient muss nach mündlicher und schriftlicher Aufklärung über den Eingriff sein Einverständnis abgeben.

Der Narkosearzt wählt das optimale Narkoseverfahren aus. Der Patient muss nach mündlicher und schriftlicher Aufklärung über die Narkose sein Einverständnis abgeben. Der Narkosearzt ist für die Durchführung der Narkose und die Überwachung des Patienten vor, während und nach dem Eingriff zuständig.

Die Operation

Offener oder minimalinvasiver Eingriff

Die Prostataentfernung kann auf zwei Arten erfolgen: offen oder minimalinvasiv. Für die offenen und die minimalinvasiven Operationsmethoden stehen dann wiederum verschiedene Zugangswege und Techniken zur Verfügung, die im Folgenden beschrieben werden.

Offener Eingriff

Ein “offener” Eingriff bedeutet, dass die Prostata während der Operation durch einen Schnitt in der Haut auf möglichst direktem Wege erreicht wird und der Urologe eine direkte Sicht auf das zu operierende Organ hat.

Die Prostata liegt mittig im Becken hinter dem Schambein und ist damit relativ schwer erreichbar. Um die Prostata “offen” operieren zu können, haben sich zwei Zugangswege bewährt: der retropubische Zugang und der perineale Zugang. Die Dauer der Operation einer “offenen” Prostataentfernung beträgt eine bis drei Stunden.

Offener Eingriff über einen Unterbauchschnitt (retropubisch)

Retropubisch bedeutet übersetzt “hinter dem Schambein liegend”. Dieser Zugangsweg gilt als Goldstandard. Der Patient liegt während der Operation auf dem Rücken. Der Urologe setzt einen 8-15 cm langen Schnitt im Unterbauch im Bereich zwischen Bauchnabel und Schambein.

Vereinfachte Darstellung des Oberkörpers und Unterbauchs beim männlichen Körper, wobei für die vollständige Prostataentfernung durch einen offenen Eingriff über einen Unterbauchschnitt der 8-15 cm lange Hautschnitt auf einer senkrechten Linie im Bereich zwischen Bauchnabel und Schambein verläuft

Hautschnitt bei offenem Eingriff über einen Unterbauchschnitt (retropubisch)

Offener Eingriff über einen Dammschnitt (perineal)

Perineal bedeutet übersetzt “im Bereich des Damms”, d.h. zwischen Hoden und Anus. Bei diesem Zugangsweg nimmt der Operateur einen bogenförmigen Schnitt zwischen Hodensack und Anus vor. Der Patient liegt während des Eingriffs mit angewinkelten und gespreizten Beinen auf dem Rücken in der sogenannten “Steinschnittlage”.

Vereinfachte Darstellung der männlichen Genitalbereichs von unten bei gespreizten Beinen, wobei für die vollständige Prostataentfernung durch einen offenen Eingriff über einen Dammschnitt der Hautschnitt bogenförmig und waagerecht im Bereich zwischen Hodensack und Anus verläuft

Hautschnitt bei offenem Eingriff über einen Dammschnitt (perineal)

Ablauf

Die Abläufe einer retropubischen und einer perinealen Prostatektomie sind bis auf den beschriebenen Schnitt für den Zugang gleich:

Nachdem der Hautschnitt gesetzt wurde, werden zunächst alle sichtbaren Lymphknoten im Becken entfernt. Diese Lymphknoten werden anschließend von einem Pathologen untersucht, um die Ausbreitung des Krebs genauer einstufen zu können. Diesen Vorgang bezeichnet man als Staging. Werden dabei Absiedlungen des Krebses in den Lymphknoten gefunden, wird der Patient nach der Operation zusätzlich mit einer Hormontherapie behandelt.

Nun wird die Prostata freigelegt. Das Organ ist mit dem Beckenknochen, der Beckenmuskulatur und dem Enddarm durch Bindegewebe verbunden. Diese Verbindungen muss der Urologe vorsichtig lösen. Wie jedes Organ besitzt die Prostata Blutgefäße und Nerven. Auch diese Verbindung zum Körper wird getrennt. Im Bereich der Prostata verlaufen die Nerven, die das kontrollierte Wasserlassen (Kontinenz) und die Erektionsfähigkeit (Potenz) ermöglichen. Damit der Patient diese Fähigkeiten behält, muss der Urologe hier besonders vorsichtig operieren.

Ein besonderes Augenmerk liegt deshalb auf der sogenannten Nervenschonung. Nervenschonung bedeutet, dass in diesem Teil der Operation keine elektrische Energie oder Hitze eingesetzt wird, die die empfindlichen Nerven schädigen könnte. Die Freilegung der Nerven erfolgt sehr vorsichtig und millimeterweise.

Der Samenleiter wird kurz vor vor seinem Eintritt in die Samenblase durchtrennt. Nun wird ein Silikonschlauch über die Harnröhre bis in die Harnblase eingeführt. Anschließend wird die Harnröhre oberhalb unter unterhalb des Abschnitts, der durch die Prostata verläuft, durchtrennt. Die beiden entstandenen Endstücke der Harnröhre werden miteinander vernäht. Der Urologe prüft noch im OP, ob diese Verbindung dicht hält.

Der zuvor eingeführte Silikonschlauch wird mit einem Kunststoffbeutel verbunden, in dem der Urin aufgefangen wird. Zusammen wird dies als Dauerkatheter oder Blasenkatheter bezeichnet. Damit wird sichergestellt, dass die frisch miteinander vernähten Abschnitte der Harnröhre richtig zusammenwachsen und verheilen können. Man möchte verhindern, dass die Enden der Harnröhre so zusammenwachsen, dass die Harnröhre durch das Narbengewebe verschlossen wird.

Nun wurde die Prostata von allen Verankerungen im Becken gelöst und kann zusammen mit der Samenblase entnommen werden. An diesem Punkt kann noch nicht festgestellt werden, ob die schonend freigelegten Nerven tatsächlich frei von Krebszellen sind und im Körper belassen werden können. Die Nerven im Körper zu belassen, ist medizinisch nur dann vertretbar, wenn nachgewiesen werden kann, dass der Krebs die Prostatakapsel nicht durchbrochen hat.

Um das festzustellen, wird die entnommene Prostata im sogenannten Schnellschnittverfahren von einem Pathologen untersucht. Dabei wird beurteilt, ob die Schnittränder der Prostata vollständig frei von Krebszellen sind und ob bei der Entnahme ein ausreichender Sicherheitsabstand zwischen gesundem und krankem Gewebe eingehalten wurde. Ist dies der Fall, handelt es sich um eine sogenannte R0-Resektion, die bei dieser Operation immer angestrebt wird. Diese Gewebeuntersuchung wird durchgeführt, während der Patient in Narkose liegt. Die Operation wird an diesem Punkt so lange unterbrochen, bis der Pathologe sein Untersuchungsergebnis mitteilt.

Zeigt sich nun, dass der Schnittrand in Richtung der Nervenbündel Krebszellen aufweist, wird dies als R1- oder R2-Resektion bezeichnet. In diesem Fall wird die Operation fortgesetzt und die befallenen Nerven werden entfernt. Würde man diese im Körper belassen, könnte der Krebs davon ausgehend neu wachsen. Weisen die Schnittränder keine Krebszellen auf, kann die Operation ohne Entfernung der Nerven fortgesetzt werden.

Wenn am Schnittrand der Prostata Krebszellen gefunden wurden, erhält der Patient zusätzlich eine Bestrahlung.

Wurden Prostata und ggf. auch Lymphknoten und Nerven entfernt, kann der Urologe mit dem Wundverschluss beginnen. Dazu vernäht er von innen nach außen die zuvor durchtrennten Gewebeschichten mit einander. Dabei wird meistens noch ein gelöcherter Gummischlauch in die Wunde gelegt und durch ein kleines Loch nach außen geführt. Über diese sogenannte Wunddrainage werden Blut und Wundflüssigkeit aus der Wunde abgeleitet.

Zuletzt wird mit der Hautnaht die oberste Hautschicht verschlossen und mit einem Pflaster abgedeckt. Damit ist die Operation abgeschlossen und der Patient kann aus der Narkose erwachen.

Minimalinvasiver Eingriff
Schlüsselloch-Eingriff (laparoskopisch)

Neben diesen offenen Verfahren gibt es die Möglichkeit, die Prostataentfernung minimalinvasiv durchzuführen. Minimalinvasiv bedeutet, dass die OP-Schnitte so klein wie möglich ausfallen. Der Patient liegt dabei auf dem Rücken mit abgesenktem Oberkörper.

Am häufigsten wird bei der minimalinvasiven Prostataentfernung laparoskopisch operiert, d.h. als “Schlüsselloch-Operation”. Die Operationsschritte werden mithilfe von speziellen Werkzeugen ausgeführt, die als Trokare bezeichnet werden. Diese werden über mehrere kleine Schnitte im Bauch eingeführt und außerhalb des Körpers vom Urologen gesteuert. Eine klare Sicht auf das Operationsgebiet erhält der Urologe durch eine kleine Kamera, die ebenfalls in den Bauch eingeführt wird.

Vereinfachte Darstellung des Oberkörpers und Unterbauchs beim männlichen Körper, wobei für die vollständige Prostataentfernung durch Schlüsselloch-Eingriff die ein bis zwei Zentimeter langen Hautschnitte auf einer von beiden Seiten zum Bauchnabel ansteigenden Linie angeordnet sind

Hautschnitte beim Schlüsselloch-Eingriff (laparoskopisch)

Roboter-unterstützter Schlüsselloch-Eingriff (laparoskopisch roboterassistiert)

Eine neuartige minimalinvasive Operationsmethode ist das da Vinci-Verfahren. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung der laparoskopischen Chirurgie, bei der der Urologe einen Operationsroboter namens da Vinci nutzt. Die Kosten dieser Behandlung werden von den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland nicht übernommen. Der Operationsroboter wird über eine Konsole bedient. Die Sicht auf das Operationsgebiet erfolgt auch hier mithilfe einer Kamera.

Vereinfachte Darstellung des Oberkörpers und Unterbauchs beim männlichen Körper, wobei für die vollständige Prostataentfernung durch einen roboter-unterstützten Schlüsselloch-Eingriff die fünf kleinen Hautschnitte im Bereich zwischen Rippenbogen und Becken angeordnet sind

Hautschnitte beim roboter-unterstützten Schlüsselloch-Eingriff (laparoskopisch roboterassistiert)

Ablauf

Zunächst setzt der Urologe einen kurzen Schnitt oberhalb des Bauchnabels. Über diesen wird dann das erste Operationswerkzeug eingeführt und der Bauch mit Kohlenstoffdioxid-Gas gefüllt. Danach setzt der Urologe vier bis fünf weitere Schnitte, die etwa 1 bis 2 cm lang sind. Durch diese kleinen Öffnungen werden dann eine Kamera und die Operationswerkzeuge (Trokare) in den Körper eingeführt.

Der weitere Ablauf einer minimalinvasiven Prostataentfernung entspricht ungefähr dem einer offen durchgeführten Prostataentfernung. Bei der minimalinvasiven Operation wird die Bauchhöhle aber zu Beginn mit Kohlenstoffdioxid-Gas gefüllt, damit der Urologe eine bessere Sicht auf den Bauchraum und mehr Bewegungsfreiraum für die Operationswerkzeuge hat. Das Gas wird am Ende der Operation wieder aus der Bauchhöhle abgesaugt.

Ein weiterer Unterschied liegt in der Reihenfolge der Operationsschritte: Während bei einer offenen Operation zunächst die Verbindung der Prostata mit Beckenknochen, Beckenmuskulatur und Enddarm gelöst und dann der Samenleiter und die Harnröhre durchtrennt werden, geht man bei der minimalinvasiven Methode andersherum vor. Zunächst werden Harnröhre und Samenleiter durchtrennt und anschließend die Verbindungen zu Beckenknochen, Beckenmuskulatur und Enddarm gelöst.

Individuelle Entscheidung

Welches Operationsverfahren und welcher Zugangsweg der Beste zur Behandlung Ihres Prostatakrebs ist, legt der Urologe vorher mit Ihnen zusammen fest. In die Entscheidung bezieht er alle vorliegende Informationen zu Ihrem Prostatakrebs und zu Ihrer Krankheitsgeschichte mit ein. Nur so kann die für Sie optimale Operationsmethode gefunden werden.

Nach der OP

Nachdem die Operation abgeschlossen ist, wird der Patient aus der Narkose geweckt. Es dauert einige Zeit, bis der Patient seine Narkose ausgeschlafen hat und wieder selbstständig atmen und deutlich sprechen kann. Diese Zeit verbringt der Patient in einem sogenannten Aufwachraum, in dem er während der Erwachens aus der Narkose beobachtet wird.

Treten nach der Operation Schmerzen auf, erhält der Patient Schmerzmittel. Die Schmerzmittel werden nach einem festen Schema (WHO-Stufenschema) verabreicht. Zwischenzeitlich auftretende stärkere Schmerzen werden durch eine zusätzliche Bedarfsmedikation behandelt.

Die während der Operation eingelegt Wunddrainage wird in den folgenden Tagen entfernt, sobald kein oder nur noch wenig neues Blut oder Wundflüssigkeit aus der Wunde austritt. Der während der Operation eingelegte Blasenkatheter wird meist nach einer bis zwei Wochen entfernt. Davor wird mit einer speziellen Röntgenuntersuchung überprüft, ob die Naht an der Harnröhre dicht ist.

Nach der Operation ist das Verdauungssystem aufgrund der Narkosemittel und der Bettlägerigkeit noch sehr träge. Insbesondere nach einem Schlüsselloch-Eingriff, bei dem der Bauchraum mit Gas gefüllt wurde, kann die Verdauung vorübergehend verlangsamt sein. Daher wird ein langsamer Kostaufbau durchgeführt. Am ersten Tag nach der Operation sollte der Patient nur klare Flüssigkeiten zu sich nehmen. Am zweiten Tag nach der Operation können fettarme Lebensmittel gegessen werden. Ab dem dritten Tag nach der Operation kann der Patient normale Vollkost essen. Bei der perinealen Prostatektomie ist Vollkost bereits am ersten Tag nach der Operation wieder möglich.

5. Welche Vor- und Nachteile hat die Behandlung?

Wenn der Prostatakrebs in einem frühen Stadium entdeckt wurde und lokal begrenzt ist, kann der Patient in den meisten Fällen durch eine vollständige Prostataentfernung geheilt werden. Gleichzeitig ist dann aber ungewiss, ob der Krebs vielleicht gar nicht oder langsam gewachsen und eine operative Therapie gar nicht erforderlich gewesen wäre.

Die Entscheidung, ob also überhaupt eine Behandlung vorgenommen oder zunächst im Sinne einer aktiven Überwachung abgewartet werden soll, ist individuell und nach ausreichender Bedenkzeit in Rücksprache mit dem Urologen zu treffen.

Die Vor- und Nachteile der einzelnen Operationsmethoden sind hier vergleichend dargestellt:

Art des Eingriffs

Offen

Minimalinvasiv

Zugangsweg / Verfahren

über Unterbauchschnitt (retropubisch)

über Dammschnitt

(perineal)

Schlüssellocheingriff (laparoskopisch)

roboterassistierter Schlüssellocheingriff (da Vinci-Operationssystem)

Schnitt

8 - 15 cm zwischen Bauchnabel und Schambein

bogenförmig zwischen Hodensack und Anus

5 Schnitte, 1 - 2 cm lang

5 - 6 Schnitte, 1 - 2 cm lang

Wundschmerz

relativ stark

relativ gering

Lymphknotenentfernung im Becken

möglich

nicht möglich

möglich

Blutverlust

relativ groß (Angaben von 300 - 1000 ml)

relativ gering (Angaben von 100 ml bis 250 ml)

Entfernung stark vergrößerter Prostata (> 100 Gramm)

möglich

sehr erschwert

möglich

Technik zur Vergrößerung

-

bis 20-fach mit Kamera

Risiko für Nervenverletzung

relativ groß, abhängig von der Erfahrung des Operateurs

relativ gering. abhängig von der Erfahrung des Operateurs

Anwendung / Häufigkeit der Durchführung

Standardmethode → viele Urologen und Operationsteams haben viel Erfahrung in der Durchführung

selten durchgeführt, geeignet für Patienten mit Voroperationen an den Harn- und Geschlechtsorganen und übergewichtige Patienten

immer häufiger durchgeführt

technisch sehr aufwändig, keine Standardmethode, Selbstzahlerleistung

Art des Eingriffs
Offen Minimalinvasiv
Zugangsweg / Verfahren
 über Unterbauchschnitt (retropubisch)  Schlüssellocheingriff (laparoskopisch)
 über Dammschnitt (perineal)  roboterassistierter Schlüssellocheingriff (da Vinci-Operationssystem)
Schnitt
 8 - 15 cm zwischen Bauchnabel und Schambein  5 Schnitte, 1 - 2 cm lang
 bogenförmig zwischen Hodensack und Anus  5 - 6 Schnitte, 1 - 2 cm lang
Wundschmerz
 relativ stark  relativ gering
Lymphknotenentfernung im Becken
 möglich  möglich
 nicht möglich
Blutverlust
 relativ groß (Angaben von 300 - 1000 ml)  relativ gering (Angaben von 100 ml bis 250 ml)
Entfernung stark vergrößerter Prostata (> 100 Gramm)
 möglich  möglich
 sehr erschwert
Technik zur Vergrößerung
 keine  bis 20-fach mit Kamera
Risiko für Nervenverletzung
 relativ groß, abhängig von der Erfahrung des Operateurs  relativ gering
Anwendung / Häufigkeitder Durchführung
 Standardmethode → viele Urologen und Operationsteams haben viel Erfahrung in der Durchführung  immer häufiger durchgeführt
 selten durchgeführt, geeignet für Patienten mit Voroperationen an den Harn- und Geschlechtsorganen und übergewichtige Patienten  technisch sehr aufwändig, keine Standardmethode, Selbstzahlerleistung

6. Welche Komplikationen und unerwünschten Folgen können auftreten?

Ein operativer Eingriff birgt neben der Chance auf Besserung oder Heilung auch einige Risiken für Komplikationen und kann zu unerwünschten Folgeerscheinungen führen. Die häufigsten Komplikationen und möglichen Folgen sind hier aufgelistet:

Komplikationen des Eingriffs

  • Schmerzen
  • Blutung
  • Nachblutung
  • Entzündung (Infektion)
  • Wundheilungsstörung
  • Gefühlsstörungen im Operationsgebiet
  • Komplikationen in der Zeit nach dem Eingriff

  • Schmerzen
  • Blutgerinnsel (Thrombose)
  • verschlepptes Blutgerinnsel, v.a. in der Lunge (Lungenembolie)
  • Lungenentzündung. v.a. durch schmerzbedingt flache Atmung
  • Komplikationen der Narkose

  • Übelkeit nach dem Erwachen aus der Narkose
  • Erbrechen nach dem Erwachen aus der Narkose
  • Heiserkeit, Schluckbeschwerden falls der Patient künstliche beatmet wurde

(Diese Auflistung nennt die häufigsten Komplikationen und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

Unerwünschte Folgen nach der Operation

Die häufigsten unerwünschten Folgen entstehen durch eine Nervenverletzung. Diese kann auf zwei Arten entstehen: Entweder absichtlich, wenn der Nerv aufgrund von Krebsbefall mit entfernt werden muss, oder unabsichtlich durch eine Verletzung des Nerven während dessen vorsichtiger Freilegung. Der betroffene Nerv ist meist der Nervus pudendus. Seine Funktion ist die Fähigkeit zur Erektion und die Steuerung des Wasserlassens, weshalb bei seiner Schädigung diese Folgeerscheinungen auftreten können:

  • Erektionsstörungen (Impotenz)
  • unkontrollierter Harnverlust bei Belastung (Belastungsharninkontinenz)
  • bei Operation mit Dammschnitt: unkontrollierter Stuhlgang (Stuhlinkontinenz)
  • Verwachsung an der Nahtstelle der Harnröhre mit daraus folgendem Verschluss der Harnröhre (Harnröhrenstriktur)
  • Undichtigkeit an der Nahtstelle der Harnröhre
  • bei Lymphknotenentfernung: Stauung von Lymphflüssigkeit. v.a. in den Beinen

(Diese Auflistung nennt die häufigsten unerwünschten Folgen und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

7. Was sollte ich beachten, wenn bei mir eine vollständige Prostataentfernung durchgeführt wird?

Vor dem Eingriff

Nehmen Sie sich genügend Zeit, die geplante Operation und die damit verbundenen Risiken zu verstehen.

Scheuen sie nicht, während des Aufklärungsgespräches Fragen zu stellen, wenn Sie etwas nicht verstehen.

Notieren Sie Fragen, die Ihnen vor und nach den Aufklärungsgesprächen einfallen und besprechen Sie diese mit Ihrem Urologen oder dem Narkosearzt.

Bei vielen Patienten treten in der Zeit zwischen den Vorgesprächen und dem Operationstermin Zweifel auf, ob der behandelnde Urologe Ihren Fall richtig eingeschätzt und die optimale Behandlungsmethode ausgewählt hat.

In solchen Fällen empfiehlt es sich, bei einem anderen Facharzt eine Zweitmeinung einzuholen.

Mögliche Fragen an Ihren Urologen:

  • Warum empfehlen Sie mir die Operation?
  • Welche Klinik empfehlen Sie mir für den Eingriff? Aus welchen Gründen?
  • Wie lange wird der Klinikaufenthalt voraussichtlich dauern?
  • Wann werde ich meinem Beruf wieder nachgehen können?
  • Welches Operationsverfahren empfehlen Sie für mich?
  • Ist bei mir eine nervenschonende Operation möglich?
  • Werde ich nach der Operation inkontinent sein?
  • Wird die Operation mein Sexualleben beeinträchtigen?
  • Soll ich vor der Operation Eigenblut spenden?

Nach dem Eingriff

Wenn der Eingriff über einen sogenannten perinealen Zugang im Bereich zwischen Anus und Hodensack durchgeführt wurde, sollte diese Körperstelle nach dem Eingriff geschont werden. Patienten sollten deshalb für einige Wochen auf Aktivitäten wie zum Beispiel Radfahren, Reiten oder Saunagänge verzichten.

Zögern Sie nicht, den Pflegern und Ärzten Ihre Schmerzen mitzuteilen und nehmen Sie Ihre Schmerzmittel regelmäßig ein. Denn wenn Sie unter Schmerzen leiden, wird die Atmung automatisch flacher und das Risiko für eine Lungenentzündung steigt. Es ist entgegen früherer Annahmen also für die Genesung nicht hilfreich, Schmerzen auszuhalten und auf Schmerzmittel zu verzichten.

Versuchen Sie, sofern Ärzte und Pfleger Ihnen keine andere Anweisung gegeben haben, bald nach der Operation wieder in Bewegung zu kommen. Dadurch können Sie das Risiko für die Entstehung von Blutgerinnseln reduzieren. Sollten Sie das Bett noch nicht verlassen können, können Sie die Wadenmuskulatur betätigen, indem Sie Ihre Zehenspitzen abwechselnd Richtung Nasenspitze und Richtung Fußende bewegen.

Je nachdem ob bei Ihnen nervenschonend operiert wurde und welche Folgeerscheinungen durch die Operation auftreten, kann nach dem Krankenhausaufenthalt eine sogenannte Anschlussheilbehandlung, oft als “Reha” oder “Kur” bezeichnet, sinnvoll sein.

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Autor

Magdalena Glawe

Magdalena Glawe ist Ärztin. Sie hat an der Charité in Berlin Medizin studiert und unterstützt das Viomedo-Team als Patientenbeauftragte. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Fotografie und japanischer Kultur.

Quellen

Rübben H. Uroonkologie. 6. Aufl. Berlin, Heidelberg: Springer; 2014: 576-579.

Liehn M, Lengersdorf B et al. OP-Handbuch: Grundlagen, Instrumentarium, OP-Ablauf. 6. Aufl. Berlin, Heidelberg: Springer; 2016: 482-492.

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Konsultationsfassung: Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, Lang-version 4.0, 2016 AWMF Registernummer: 043/022OL, http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Prostatakarzinom.58.0.html (Zugriff am: 27.06.2017)

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Patientenfassung: Prostatakrebs I - Lokal begrenztes Prostatakarzinom: Ein evidenzbasierter Patientenratgeber zu S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, 2.Aufl. Berlin: 2015. http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Prostatakrebs.71.0.html (Zugriff am 27.06.2017)

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Patientenfassung: Prostatakrebs II - Lokal fortgeschrittenes und metastasiertes Prostatakarzinom: Ein evidenzbasierter Patientenratgeber zu S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, 3.Aufl. Berlin: 2015. http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Prostatakrebs.71.0.html (Zugriff am 27.06.2017)

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