Prostatakrebs-Therapie

Zuletzt aktualisiert: 1. Februar 2018 VON Magdalena Glawe

Bestrahlung “von innen” - Brachytherapie bei Prostatakrebs

Weitere verwendete Begriffe: interne Strahlentherapie, interstitielle Therapie, Therapie mit umschlossenen Strahlungsquellen, Kurzdistanztherapie
Magdalena Glawe
Ärztin und Patientenbeauftragte

1. Was ist eine Bestrahlung “von innen”?

Die Bestrahlung “von innen” ist eine Behandlungsmethode, bei der die Zellen-abtötende Wirkung von ionisierender Strahlung eingesetzt wird. Dabei werden kleine Implantate in die Prostata eingesetzt, die eine energiereiche Strahlung abgeben. Diese wirkt auf das umliegende Gewebe, indem sie dessen Zellen abtötet. Benachbarte Organe und Strukturen wie Enddarm, Harnblase und Harnröhre werden einer geringen Strahlenbelastung ausgesetzt.

Man unterscheidet eine Behandlung mit einer geringen Strahlungsdosis (Low Dose Rate-Brachytherapie), bei der die Strahlungsquelle dauerhaft im Körper bleibt, von einer Behandlung mit einer hohen Strahlungsdosis, bei der sich die Strahlungsquellen für kurze Zeit im Körper befindet (High Dose Rate-Brachytherapie).

Information

Ionisierende Strahlung und Strahlentherapie

Die Zellen des Körpers bestehen aus einer Vielzahl verschiedener chemischer Verbindungen. Diese chemischen Verbindungen besitzen eine elektrische Ladung. Je nachdem, wie viele negativ geladene Teilchen (Elektronen) und positiv geladene Teilchen (Protonen) eine Verbindung enthält, ist sie positiv, negativ oder neutral geladen.
Ionisierende Strahlung hat die Fähigkeit, die negativen Teilchen aus einer chemischen Verbindung zu entfernen. Dabei stößt die in der Strahlung enthaltene Energie die negativ geladenen Teilchen aus ihrer Verbindung heraus. In der Folge entsteht durch den Einfluss ionisierender Strahlung aus einer neutral geladenen chemischen Verbindung eine positiv oder negativ geladene Verbindung.
Durch diese Ladungsänderungen werden in den Zellen die chemischen Verbindungen aufgebrochen, die das Erbgut bilden (DNS). Durch die Zerstörung der DNS verliert die Zelle ihre Fähigkeit, sich durch Zellteilung zu vermehren und wird abgetötet. In der Strahlentherapie macht man sich diesen Umstand zu nutze, um “fehlerhafte” Zellen wie die Krebszellen im Körper zu zerstören und deren Vermehrung zu verhindern.

Vereinfachte Darstellung der Wirkung von energiereicher, sogenannter ionisierender Strahlung auf die Krebszellen, wobei die Strahlung Schäden in der DNS der Krebszellen verursacht, die schließlich zum absterben dieser Zellen führen

Wirkung von energiereicher (ionisierender) Strahlung auf Krebszellen

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2. Wann wird eine Bestrahlung "von innen" angewendet?

2.1 LDR-Brachytherapie

Weitere verwendete Begriffe: Low Dose Rate-Brachytherapie, Seed-Implantation

Eine LDR-Brachytherapie wird bei Patienten eingesetzt, deren Prostatakrebs folgende Eigenschaften hat:

Ausdehnung des Tumors

Risikoprofil

Ziel der Behandlung

Lokal begrenzt: Krebs wächst innerhalb der Prostata und hat die umgebende Kapsel nicht durchbrochen

niedrig

Heilung des Patienten

Ausdehnung des Tumors
Lokal begrenzt: Krebs wächst innerhalb der Prostata und hat die umgebende Kapsel nicht durchbrochen
Risikoprofil
niedrig
Ziel der Behandlung
 Heilung des Patienten

2.2 HDR-Brachytherapie

Weitere verwendete Begriffe: High Dose Rate-Brachytherapie, Afterloading

Eine HDR-Brachytherapie kann bei Patienten eingesetzt werden, deren Prostatakrebs lokal begrenzt ist. Bei lokal fortgeschrittenem Prostatakrebs wird sie mit einer Bestrahlung von außen kombiniert:

Ausdehnung des Tumors

Risikoprofil

Ziel der Behandlung

Lokal begrenzt: Krebs wächst innerhalb der Prostata und hat die umgebende Kapsel nicht durchbrochen

mittel bis hoch

Heilung des Patienten

Lokal fortgeschritten: Krebs hat die umgebende Kapsel durchbrochen, aber noch keine Streuherde in anderen Organen gebildet

in Kombination mit einer Bestrahlung von außen → Heilung des Patienten

Ausdehnung des Tumors
Lokal begrenzt: Krebs wächst innerhalb der Prostata und hat die umgebende Kapsel nicht durchbrochen Lokal fortgeschritten: Krebs hat die umgebende Kapsel durchbrochen, aber noch keine Streuherde in anderen Organen gebildet
Risikoprofil
mittel bis hoch
Ziel der Behandlung
Heilung des Patienten in Kombination mit einer Bestrahlung von außen → Heilung des Patienten

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3. Wann kommt eine Bestrahlung "von innen" nicht als Behandlungsoption in Frage?

Im Allgemeinen wird die Bestrahlung "von innen" nicht angewendet, wenn durch ihren Einsatz wahrscheinlich keine Heilung erreicht werden kann. Wann eine Heilung durch die Brachytherapie unwahrscheinlich ist, unterscheidet sich zwischen LDR- und HDR-Brachytherapie.

3.1 LDR-Brachytherapie

Die LDR-Brachytherapie kommt nicht zum Einsatz, wenn

  • der Krebs die Kapsel durchbrochen hat (lokal fortgeschritten)
  • der Krebs Streuherde in anderen Organen gebildet hat
  • der Krebs ein mittleres oder hohes Risikoprofil nach der D’Amico-Klassifikation aufweist.

Zu den Behandlungsmöglichkeiten des lokal fortgeschrittenen Prostatakrebs und des Prostatakrebs des mittleren oder hohen Risikoprofils gehören die Bestrahlung von außen und die HDR-Brachytherapie (Informationen dazu in diesem Artikel).

3.2 HDR-Brachytherapie

Die HDR-Brachytherapie kommt nicht zum Einsatz, wenn

  • der Krebs Streuherde in anderen Organen (Metastasen) gebildet hat.

Zu den Behandlungsmöglichkeiten des metastasierten Prostatakrebs finden Sie hier weitere Informationen:

Beobachten und Abwarten - Watchful Waiting bei Prostatakrebs

Chemotherapie bei Prostatakrebs

Bestrahlung von außen - perkutane Strahlentherapie bei Prostatakrebs

Gegenanzeigen

Außerdem gibt es einige Gründe, die gegen die Durchführung einer Bestrahlung "von innen" sprechen können:

  • stark vergrößerte Prostata mit Volumen > 60 ml
  • Beschwerden beim Wasserlassen aufgrund einer Einengung der Harnröhre
  • chronische entzündliche Darmerkrankungen
  • Entfernung von Prostatagewebe mit Zugang über die Harnröhre innerhalb der letzten oder nächsten 6 Monate (transurethrale Resektion der Prostata,TURP)
  • Erkrankung der Wirbelsäule oder des Hüftgelenks, aufgrund derer der Patient nicht in der Steinschnittlage liegen kann

4. Wie wird eine Bestrahlung "von innen" durchgeführt?

Bei der Bestrahlung "von innen" werden die Krebszellen gezielt durch ionisierende Strahlung zerstört. Diese Wirkung kann in Abhängigkeit vom Risikoprofil des Prostatakrebs auf zwei Arten erreicht werden: Entweder durch schwache Strahlungsquellen, die dauerhaft in der Prostata verbleiben (Seed-Implantation bei LDR-Brachytherapie) oder durch starke Strahlungsquellen, die für kurze Zeit in die Prostata eingebracht werden (Afterloading bei HDR-Brachytherapie).
Zur Planung einer Bestrahlung "von innen" wird die Prostata durch bildgebende Untersuchungen genau vermessen. Mit Hilfe moderner Computerprogramme wird dann festgelegt, an welchen Stellen wie stark bestrahlt werden soll. Die Behandlung ist interdisziplinär, d.h. sie wird von einem Urologen in Zusammenarbeit mit einem Strahlentherapeuten und einem Physiker durchgeführt. Der Behandlungserfolg tritt mit einer Verzögerung von einigen Wochen bis Monaten ein.

Bei der Bestrahlung "von innen" wirkt eine ionisierende Strahlung aus nächster Nähe auf den Tumor. Um den Tumor möglichst direkt zu bestrahlen, bringt man eine kleine Strahlungsquelle direkt in die Prostata ein. Da sich die Strahlungsquelle im Gewebe “zwischen den Zellen” befindet, wird diese Form der Bestrahlung auch als interstitielle (lateinisch Interstitium, “dazwischenliegend”) Strahlentherapie bezeichnet.

Beim Prostatakrebs gibt es für die Bestrahlung "von innen" zwei Möglichkeiten:

  1. Der Tumor wird durch kleine Metallteile (Seeds) bestrahlt, die eine geringe Strahlendosis abgeben. Sie verbleiben nach dem Eingriff in der Prostata. Diesen Eingriff nennt man Seed-Implantation, die Behandlungsmethode heißt LDR-Brachytherapie.

  2. Der Tumor wird durch kleine Metallteile bestrahlt, die eine hohe Strahlendosis abgeben. Sie werden während des Eingriffs für kurze Zeit in der Prostata platziert und danach wieder entfernt. Diesen Eingriff nennt man Afterloading (“Nachladen”), die Behandlungsmethode heißt HDR-Brachytherapie.

Vorbereitung und Dosisplanung

Die Bestrahlung "von innen" erfordert sowohl bei der LDR- als auch bei der HDR-Brachytherapie einen operativen Eingriff. Zur Vorbereitung wird der aktuelle PSA-Wert bestimmt. Auch die Ausbreitung des Prostatakrebs muss bekannt sein, da die Bestrahlung "von innen" nur für Patienten bis zu einem bestimmten Krebsstadium empfohlen wird.

Zunächst muss geplant werden, an welchen Stellen in der Prostata die Strahlungsquellen platziert werden sollen. Dazu muss die Größe und Form der Prostata bestimmt werden. Vor dem Eingriff wird sie deshalb mit einem besonders genauen bildgebenden Verfahren untersucht. Dazu wird meist eine Ultraschalluntersuchung der Prostata über den Enddarm (transrektaler Ultraschall, TRUS) durchgeführt, aber auch eine Computertomographie (CT) oder Kernspintomographie (MRT) kann zum Einsatz kommen.

Mithilfe eines Computerprogramms wird nun ein dreidimensionales Bild der Prostata und der benachbarten Organe erstellt. Damit kann die Größe der Prostata festgestellt werden. Anschließend errechnet das Programm, wo und wie viele Seeds oder Hohlnadeln eingesetzt werden müssen, um das Gewebe gleichmäßig mit bestrahlen bzw. mit Seeds spicken zu können.

Das Ergebnis dieser Berechnungen ist ein für jeden Patienten individueller Dosisplan. Heute wird die Dosisplanung häufig am Operationstag unmittelbar vor der Seed-Implantation oder dem Afterloading durchgeführt.

Zur Vorbereitung wird dem Patienten ein Blasenkatheter zur kontrollierten Harnableitung angelegt. Da der Eingriff teilweise über den Enddarm durchgeführt wird, erhält der Patient außerdem eine Darmreinigung.

Für den Eingriff erhält der Patient eine leichte Form der Vollnarkose oder eine Rückenmarksnarkose, mit der das Schmerzempfinden im Gebiet des Eingriffs vorübergehend ausgeschaltet wird. Der Patient liegt während des Eingriffs mit angewinkelten und gespreizten Beinen auf dem Rücken in der sogenannten “Steinschnittlage”.

Interdisziplinäre Behandlung

Die Bestrahlung "von innen" erfordert die Zusammenarbeit von drei Experten aus verschiedenen Fachgebieten:

  • ein Urologe, der die Notwendigkeit (Indikation) für diese Behandlungsmethode feststellt und die Prostata vermisst, z.B. anhand von Ultraschalluntersuchungen
  • ein Physiker, der die Dosisplanung durchführt und bei der LDR-Brachytherapie die abschließende Strahlungsmessung am Patienten vornimmt
  • ein Strahlentherapeut, der die Dosisplanung, Vorbereitung und Platzierung der Hohlnadeln übernimmt und die korrekte Platzierung der Strahlungsquelle überwacht

4.1 LDR-Brachytherapie

Bei der LDR-Brachytherapie verwendet man kleine Metallteile als Strahlungsquelle, die eine radioaktive Form des Elements Palladium oder Jod enthalten. Diese Partikel sind etwa so groß wie ein Reiskorn. Sie werden als Seeds, also “Samen” bezeichnet und mit Hohlnadeln in der Prostata platziert.

Die Seeds sind ungefähr 5 mm groß und mit Titan beschichtet. Die Strahlung dieser Seeds ist relativ schwach und hat eine Reichweite von wenigen Millimetern. Daher wird diese Behandlung auch als Low Dose Rate-Brachytherapie bezeichnet, übersetzt “Kurzdistanztherapie mit niedriger Strahlendosis”. Häufig sind mehrere Seeds in einen Kunststofffaden eingebunden, der ein Verrutschen der kleinen Metallpartikel im Prostata-Gewebe verhindert.

Seed-Implantation
Vereinfachte Darstellung der Seed-Implantation bei der LDR-Brachytherapie, wobei der Urologe unter Ultraschall-Sichtkontrolle mit einer Hohlnadel Palladium- oder Jod-Seeds über den Damm in der Prostata des Patienten platziert

Seed-Implantion bei der LDR-Brachytherapie

Wie bei der Dosisplanung wird über den Enddarm der Kopf eines Ultraschallgeräts eingeführt, um die Prostata bildlich darzustellen. Ein Computerprogramm legt über das angezeigte Ultraschallbild ein Gitter-Muster, das mit einem sehr feinen Koordinatensystem vergleichbar ist. Dieses Gitter befindet sich in gleicher Form auf einer Metallplatte, die als Schablone direkt auf die Haut des Damms gelegt wird.

Diese Metallplatte ist entlang des Koordinatensystems mit vielen gleichmäßig angeordneten Löchern versehen, durch die später die Hohlnadeln geschoben werden. Mit dieser Navigationshilfe kann der Urologe sicherstellen, dass die Seeds genau so platziert werden, wie es im Dosisplan festgelegt wurde.

Nach dem Anbringen der Metallplatte wird im Bereich zwischen Hodensack und Anus eine Hohlnadel an vorher festgelegter Stelle durch die Rasterplatte in den Körper eingeführt, bis deren Spitze innerhalb der Prostata liegt. Mit dem Ultraschall und einem speziellen Röntgengerät überprüft man die richtige Position der Hohlnadeln.

Die Hohlnadel ist mit Seeds beladen. Der Urologe platziert diese beim langsamen Zurückziehen der Hohlnadel im Prostatagewebe. Dieser Vorgang wird so oft mit Seed-beladenen Hohlnadeln wiederholt, bis die gesamte Prostata entsprechend dem Dosisplan mit Seeds “gespickt” ist. Zwischen 70 und 150 Seeds werden dazu eingesetzt.

Eine andere Möglichkeit der Seed-Implantation besteht darin, die Dosisplanung nicht vor, sondern während des Eingriffs durchzuführen. Dazu wird die Platzierung der Seeds in Echtzeit mithilfe einer computergestützten Dosisberechnung festgelegt. Wird eine unregelmäßige Dosisverteilung festgestellt, kann diese durch das Einsetzen weiterer Seeds sofort korrigiert werden. Dieses Vorgehen ist aktuell die modernste Form der Dosisplanung und wird als dynamische Planung oder Real-Time-Planung bezeichnet.

Viele Patienten befürchten nach dem Eingriff, Menschen in ihrem Umfeld durch die Seeds in ihrem Körper zu “verstrahlen”. Diese Befürchtung ist jedoch unbegründet. Die Seed-Implantation gilt nämlich erst dann als abgeschlossen, wenn durch eine Messung bestätigt wurde, dass vom Patienten keine gefährdende Strahlung ausgeht.

Nach dem Entfernen der Hohlnadel werden die Einstichstellen mit einem Verband abgedeckt. Hat der Patient eine Vollnarkose erhalten, kann er nun aus dieser erwachen.

Nachsorge

Nach dem Eingriff verspüren die meisten Patienten wenige Beschwerden. Da der Eingriff mit circa 60 Minuten relativ kurz ist und an den Einstichstellen der Hohlnadel relativ kleine Wunden entstehen, kann der Patient meist nach einigen Stunden der Überwachung nach Hause entlassen werden. Am Tag nach der Seed-Implantation führt der Urologe eine Kontrolluntersuchung durch, um Folgeerscheinungen des Eingriffs schnell erkennen und behandeln zu können.

Vier bis sechs Wochen nach der Seed-Implantation wird eine sogenannte Nachplanung durchgeführt. Anhand einer Computertomographie (CT) oder Kernspintomographie (MRT) wird die Anzahl und Position der Seeds in der Prostata mit dem Dosisplan verglichen und so die Qualität der Seed-Implantation beurteilt. Der Behandlungserfolg kann nach einigen Monaten anhand des PSA-Werts eingeschätzt werden.

4.2 HDR-Brachytherapie

Bei dieser Form der Bestrahlung verwendet man eine Strahlungsquelle, die eine radioaktive Form des Elements Iridium oder Cäsium enthält.

Die Strahlung des Iridiums oder Cäsiums ist sehr stark und hat eine Reichweite von wenigen Millimetern. Daher wird diese Behandlung auch als High Dose Rate-Brachytherapie bezeichnet, übersetzt “Kurzdistanztherapie mit hoher Strahlendosis”. Anders als bei der LDR-Brachytherapie wird die Strahlungsquelle nur für kurze Zeit durch spezielle Hohlnadeln in die Prostata eingeführt und anschließend wieder entfernt.

Afterloading
Vereinfachte Darstellung des Afterloadings bei der HDR-Brachytherapie, wobei mehrere Hohlnadeln in der Prostata des Patienten platziert und mit Schläuchen verbunden werden, über die dann ferngesteuert für kurze Zeit die Iridium- oder Cäsium-Partikel in jede Hohlnadel eingefahren wird

Afterloading bei der HDR-Brachytherapie

Um den Bestrahlungsvorgang überwachen zu können, wird wie bei der Dosisplanung der Kopf eines Ultraschallgeräts in den Enddarm eingeführt. Damit kann ein genaues Bild der Prostata erzeugt werden. Das angezeigte Ultraschallbild wird nun durch ein gitterförmiges Muster eingeteilt, das einem Koordinatensystem ähnelt.

Dieses Koordinatensystem findet sich in Form vieler kleiner Löcher auf einer Metallplatte wieder, die direkt auf die Haut des Damms gelegt wird. Die Hohlnadeln können durch diese gleichmäßig angeordneten Löcher in der Metallplatte in den Körper geschoben werden. Mit dieser Navigationshilfe kann der Urologe sicherstellen, dass die Strahlungsquelle genau so platziert wird, wie es im Dosisplan festgelegt wurde. Zusätzlich wird durch die Metallplatte verhindert, dass die Hohlnadeln verrutschen.

Nach dem Anlegen der Metallplatte werden über den Damm, also im Bereich zwischen Hodensack und Anus, bis zu 20 Hohlnadeln an vorher festgelegten Stellen durch die Löcher in der Metallplatte in den Körper eingeführt. Mit dem Ultraschall und einem speziellen Röntgengerät überprüft man die richtige Position der Hohlnadeln.

Anschließend wird jede Hohlnadel an einen Schlauch angeschlossen, dessen anderes Ende mit einem speziellen Bestrahlungsgerät verbunden ist. Dieses Gerät wird als Afterloader, also “Nachlader” bezeichnet. Es enthält die Strahlungsquelle und verfügt über eine Technik, mit der diese aus dem Afterloader durch den Schlauch in die Hohlnadeln “eingefahren” werden kann.

Wie weit die Strahlungsquelle dabei in die Hohlnadel wandert, kann millimetergenau gesteuert werden. Auch die Zeit, für die die Strahlungsquelle an einer Stelle verweilen soll, um eine ausreichende Strahlung an die Umgebung abzugeben, kann genau festgelegt werden.

Da es sich bei radioaktivem Iridium oder Cäsium um eine sehr starke Strahlungsquelle handelt, müssen Ärzte und Pfleger während der eigentlichen Bestrahlung das Behandlungszimmer verlassen. Der Zustand des Patienten wird währenddessen von einem strahlengeschützten Raum aus überwacht.

Per Fernsteuerung wird nun die Strahlungsquelle in die Hohlnadeln eingefahren. Die Strahlungsquelle fährt die zuvor festgelegten “Haltestellen” innerhalb einer Hohlnadel ab, wandert zurück in den Afterloader und fährt anschließend in die nächste Hohlnadel ein. Die Bestrahlungszeit beträgt insgesamt nur wenige Minuten.

Mithilfe eines Computerprogramms kann überprüft werden, ob die Position der Hohlnadeln ganz genau dem Dosisplan entspricht. Wenn dabei eine Abweichung festgestellt wird, kann dies beim Nachladen der noch folgenden Hohlnadeln berücksichtigt und ausgeglichen werden. Dieses Vorgehen ist derzeit die modernste Form der Dosisplanung und wird als dynamische Planung oder Real-Time-Planung bezeichnet.

Nachdem die Prostata entsprechend dem Dosisplan bestrahlt wurde, werden die Einstichstellen der Hohlnadeln mit einem Verband versorgt. Wenn der Patient eine Vollnarkose erhalten hat, kann diese nun beendet werden.

Die HDR-Brachytherapie wird mehrmals durchgeführt. Dabei ist es von den Eigenschaften des Prostatakrebs abhängig, wie häufig die Bestrahlung wiederholt wird. Üblich ist z.B. die Behandlung mit zwei Bestrahlungen im Abstand von einer Woche.

Nachsorge

Der Zustand des Patienten wird nach dem Eingriff für einige Zeit überwacht. So können früh auftretende Folgeerscheinungen der Bestrahlung schnell erkannt und behandelt werden. Je nachdem welcher Behandlungsplan für den Patienten vorgesehen ist, wird die Bestrahlung z.B. nach einer Woche wiederholt. Ob die Behandlung erfolgreich war, wird nach einigen Monaten anhand des PSA-Werts beurteilt.

5. Welche Vor- und Nachteile hat die Behandlung?

LDR-Brachytherapie

Wenn der Prostatakrebs in einem frühen Stadium entdeckt wurde und lokal begrenzt wächst, ist eine Heilung durch die LDR-Brachytherapie möglich. Gleichzeitig ist dann aber ungewiss, ob der Krebs vielleicht gar nicht oder langsam gewachsen und eine Bestrahlung gar nicht erforderlich gewesen wäre.

Die Entscheidung, ob also überhaupt eine Behandlung vorgenommen oder zunächst im Sinne einer aktiven Überwachung abgewartet werden soll, ist individuell und nach ausreichender Bedenkzeit in Rücksprache mit dem Urologen zu treffen.

Vorteile

Nachteile

  • gezieltes Bekämpfen des Prostatakrebs “von innen” mit relativ geringer Belastung für andere Organe
  • Durchführung als ambulanter Eingriff oder mit kurzem stationären Aufenthalt von 2-3 Tagen
  • Eingriff ohne Vollnarkose möglich
  • kleine Operationswunde
  • relativ geringes Infektions- und Blutungsrisiko
  • im Vergleich zur Operation mit vollständiger Prostataentfernung relativ geringes Risiko für Impotenz und Inkontinenz
  • Behandlungserfolg erst nach mehreren Monaten feststellbar
  • relativ hohes Risiko für Spätfolgen im Bereich des Darms, der Harnblase und der Harnröhre


Impotenz und Inkontinenz entwickeln sich oft erst Monate bis Jahre nach der Seed-Implantation

Vorteile

Nachteile

  • gezieltes Bekämpfen des Prostatakrebs “von innen” mit relativ geringer Belastung für andere Organe
  • Durchführung als ambulanter Eingriff oder mit kurzem stationären Aufenthalt von 2-3 Tagen
  • Eingriff ohne Vollnarkose möglich
  • kleine Operationswunde
  • relativ geringes Infektions- und Blutungsrisiko
  • im Vergleich zur Operation mit vollständiger Prostataentfernung relativ geringes Risiko für Impotenz und Inkontinenz
  • Behandlungserfolg erst nach mehreren Monaten feststellbar
  • relativ hohes Risiko für Spätfolgen im Bereich des Darms, der Harnblase und der Harnröhre


Impotenz und Inkontinenz entwickeln sich oft erst Monate bis Jahre nach der Seed-Implantation

HDR-Brachytherapie

Wenn der Prostatakrebs lokal begrenzt ist, kann der Patient durch die HDR-Brachytherapie geheilt werden. Wird eine Behandlung unterlassen, besteht bei Patienten mit Prostatakrebs des mittleren bis hohen Risikoprofils ein relativ hohes Risiko für eine Ausbreitung des Krebs.

Vorteile

Nachteile

  • bei Kombination mit einer Bestrahlung von außen → Strahlendosis für die Bestrahlung von außen kann deutlich reduziert werden → weniger Strahlenbelastung für gesundes Gewebe
  • kurzer stationärer Aufenthalt von 2-3 Tagen
  • Eingriff ohne Vollnarkose möglich
  • keine große Narbe
  • relativ geringes Infektions- und Blutungsrisiko
  • relativ geringes Risiko für Impotenz und Inkontinenz
  • Behandlungserfolg erst nach einigen Monaten feststellbar
  • bei Durchführung in Rückenmarksnarkose: Belastung durch das Verharren in der Steinschnittlage während des Afterloading-Vorgangs 

Vorteile

Nachteile

  • bei Kombination mit einer Bestrahlung von außen → Strahlendosis für die Bestrahlung von außen kann deutlich reduziert werden → weniger Strahlenbelastung für gesundes Gewebe
  • kurzer stationärer Aufenthalt von 2-3 Tagen
  • Eingriff ohne Vollnarkose möglich
  • keine große Narbe
  • relativ geringes Infektions- und Blutungsrisiko
  • relativ geringes Risiko für Impotenz und Inkontinenz
  • Behandlungserfolg erst nach einigen Monaten feststellbar
  • bei Durchführung in Rückenmarksnarkose: Belastung durch das Verharren in der Steinschnittlage während des Afterloading-Vorgangs 

6. Welche Komplikationen und unerwünschten Folgen können auftreten?

Eine Bestrahlung "von innen" birgt neben der Chance, den Prostatakrebs gezielt zu bekämpfen auch einige Risiken für Komplikationen und kann zu unerwünschten Folgeerscheinungen führen. Die häufigsten Komplikationen und möglichen Folgen sind hier aufgelistet:

Komplikationen des Eingriffs

  • Schmerzen
  • Blutung
  • Nachblutung
  • Entzündung (Infektion)
  • Wundheilungsstörung
  • Gefühlsstörungen im Operationsgebiet

Komplikationen in der Zeit nach dem Eingriff

  • Schmerzen
  • Blutgerinnsel (Thrombose)
  • verschlepptes Blutgerinnsel, v.a. in der Lunge (Lungenembolie)
  • Lungenentzündung. v.a. durch schmerzbedingt flache Atmung

Komplikationen der Narkose

  • Übelkeit nach dem Erwachen aus der Narkose
  • Erbrechen nach dem Erwachen aus der Narkose
  • Heiserkeit, Schluckbeschwerden falls der Patient künstlich beatmet wurde

(Diese Auflistung nennt die häufigsten Komplikationen und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

Unerwünschte Folgen nach der Bestrahlung

Die Behandlung verfolgt das Ziel die Krebszellen durch gezielte radioaktive Bestrahlung zu zerstören. Die Strahlung unterscheidet jedoch nicht zwischen gesunden Zellen und Krebszellen, sodass auch die gesunden Organe und Gewebe in der Nähe der Prostata der radioaktiven Strahlung ausgesetzt werden. Diese ist zwar gering, kann aber längere Zeit nach dem Eingriff zu unerwünschten Folgen an den benachbarten Strukturen wie Enddarm, Harnblase, Harnröhre und Nerven führen. Im Folgenden werden die häufigsten unerwünschten Folgen Bestrahlung "von innen" aufgeführt:

  • vorübergehendes Schwächegefühl in den Tagen nach der Bestrahlung, sogenannter “Strahlenkater”
  • vorübergehende oder dauerhafte Reizung der Blase mit folgenden Beschwerden:
    • Unfähigkeit, die Blase zu entleeren
    • Schmerzen beim Wasserlassen (Algurie)
    • Blut im Urin (Hämaturie)
    • Funktionsstörung der Harnblase und Harnröhre mit plötzlichem Harndrang und unkontrolliertem Harnverlust (Dranginkontinenz)
  • vorübergehende oder dauerhafte Reizung des Enddarms mit diesen Beschwerden:
    • Schmerzen beim Stuhlgang
    • Blut im Stuhl (Hämatochezie)
    • erhöhte Stuhlgangs-Häufigkeit
  • Erektionsstörung (Impotenz), die sich in den ersten Jahren nach Seed-Implantation entwickelt

(Diese Auflistung nennt die häufigsten unerwünschten Folgen und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

7. Was sollte ich beachten, wenn ich eine Bestrahlung "von innen" erhalte?

Vor dem Eingriff

Wenn Sie eine Bestrahlung "von innen" erhalten, haben Sie sich für eine gezielte Behandlung entschieden. Doch auch nach einer solchen Entscheidung können Zweifel auftreten, ob die gewählte Behandlungsmethode die richtige für Sie ist.
Sollten sich unsicher sein, ob der behandelnde Urologe oder Strahlentherapeut Ihren Fall richtig eingeschätzt und die optimale Behandlungsmethode ausgewählt hat, empfiehlt es sich, bei einem anderen Facharzt eine Zweitmeinung einzuholen.

In mehreren Studien konnte gezeigt werden, dass die Bestrahlung in einem frühen Stadium der Erkrankung gleichwertige Heilungsraten wie eine Operation erzielt und unerwünschte Folgen wie Erektionsprobleme und unkontrollierter Harnverlust deutlich seltener auftreten. Dennoch stehen viele Patienten dieser Behandlung sehr skeptisch gegenüber.

Diese Skepsis ist durchaus nachvollziehbar. Die Begriffe “Bestrahlung” oder “Nuklearmedizin” erwecken bei vielen Patienten den Eindruck, man werde bei der Behandlung “verstrahlt”. Viele Patienten fürchten, sich mit der Strahlentherapie einem unkontrollierbaren Risiko auszusetzen. So hat fast jeder schon einmal davon gehört, dass Menschen an Krebs erkrankt sind, nachdem sie atomarer Strahlung ausgesetzt waren.

Eine Krebserkrankung durch den Einsatz von Strahlung zu bekämpfen, mag deshalb zunächst widersinnig erscheinen. Die Skepsis gegenüber den Gefahren einer Bestrahlung ist jedoch weitgehend unbegründet. Wenn Sie Zweifel an der Entscheidung für diese Behandlungsmethode haben, sollten Sie dies Ihrem Urologen mitteilen. Nur so kann er auf Ihre individuellen Fragen und Bedürfnisse eingehen.

Mögliche Fragen an Ihren Urologen oder Strahlentherapeuten:

  • Welche Art der Bestrahlung kommt für mich in Frage? Warum?
  • Wie finde ich die für meine Situation beste Einrichtung?
  • Ist das Einsetzen der Seeds mit einer Strahlenbelastung für meine Umwelt verbunden?
  • Wie wird umliegendes Gewebe vor Strahlenschäden geschont?
  • Auf welche Besonderheiten muss ich bei meiner Ernährung achten?

Nach dem Eingriff

Da sowohl bei der LDR- als auch bei der HDR-Brachytherapie ein Eingriff über den Damm, also im Bereich zwischen Anus und Hodensack, vorgenommen wird, sollte diese Körperstelle nach dem Eingriff geschont werden. Patienten sollten deshalb für einige Wochen auf Aktivitäten wie z.B. Radfahren, Reiten oder Saunagänge verzichten.

Zögern Sie nicht, den Pflegern und Ärzten Ihre Schmerzen mitzuteilen und nehmen Sie Ihre Schmerzmittel regelmäßig ein. Denn wenn Sie unter Schmerzen leiden, wird die Atmung automatisch flacher und das Risiko für eine Lungenentzündung steigt. Es ist entgegen früherer Annahmen also für die Genesung nicht hilfreich, Schmerzen auszuhalten und auf Schmerzmittel zu verzichten.

Versuchen Sie, sofern Ärzte und Pfleger Ihnen keine andere Anweisung gegeben haben, bald nach dem Eingriff wieder in Bewegung zu kommen. Dadurch können Sie das Risiko für die Entstehung von Blutgerinnseln reduzieren. Sollten Sie das Bett noch nicht verlassen können, können Sie die Wadenmuskulatur betätigen, indem Sie Ihre Zehenspitzen abwechselnd Richtung Nasenspitze und Richtung Fußende bewegen.

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Autor

Magdalena Glawe

Magdalena Glawe ist Ärztin. Sie hat an der Charité in Berlin Medizin studiert und unterstützt das Viomedo-Team als Patientenbeauftragte. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Fotografie und japanischer Kultur.

Quellen

Wannenmacher M, Wenz F et al. Strahlentherapie. 2. Aufl. Berlin, Heidelberg: Springer; 2013: 733, 740-741.
Rübben H. Uroonkologie. 6. Aufl. Berlin, Heidelberg: Springer; 2014: 582.

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Konsultationsfassung: Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, Lang-version 4.0, 2016 AWMF Registernummer: 043/022OL, http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Prostatakarzinom.58.0.html (Zugriff am: 27.06.2017)

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Patientenfassung: Prostatakrebs I - Lokal begrenztes Prostatakarzinom: Ein evidenzbasierter Patientenratgeber zu S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, 2.Aufl. Berlin: 2015. http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Prostatakrebs.71.0.html (Zugriff am 27.06.2017)

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Patientenfassung: Prostatakrebs II - Lokal fortgeschrittenes und metastasiertes Prostatakarzinom: Ein evidenzbasierter Patientenratgeber zu S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, 3.Aufl. Berlin: 2015. http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Prostatakrebs.71.0.html (Zugriff am 27.06.2017)

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