Prostatakrebs-Therapie

Zuletzt aktualisiert: 1. Februar 2018 VON Magdalena Glawe

Aktive Überwachung - Active Surveillance bei Prostatakrebs

Weitere verwendete Begriffe: Wait and See, AS
Magdalena Glawe
Ärztin und Patientenbeauftragte

1. Was bedeutet aktive Überwachung?

Die aktive Überwachung ist ein Behandlungskonzept, das auf einer engmaschigen Überwachung des Krankheitsverlaufs beruht. Es wird auch als „Active Surveillance“ (AS) bezeichnet. Auf die Durchführung einer Behandlung mit Heilungsabsicht (kurative Behandlung) wie die vollständige Prostataentfernung und die Bestrahlung wird verzichtet, bis ein Fortschreiten des Prostatakrebs festgestellt wird.

Dieses Behandlungskonzept beruht auf der Erkenntnis, dass Prostatatumore besonders bei älteren Patienten sehr langsam wachsen. Ein frühes Eingreifen in den Krankheitsverlauf durch eine Behandlung führt bei diesen Patienten nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Lebensqualität und kann sich im Nachhinein gar als unnötig erweisen.

Eine unnötige Behandlung bezeichnet man als Übertherapie. Die Nebenwirkungen und unerwünschten Folgen der Krebs-Behandlung können durch die aktive Überwachung aufgeschoben oder ganz vermieden werden.

2. Wann wird eine aktive Überwachung durchgeführt?

Die aktive Überwachung kommt bei bestimmten Patienten zum Einsatz, bei denen die folgenden Kriterien erfüllt sein müssen:

  • Patient wünscht ausdrücklich eine ausführliche Aufklärung über alle zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehört neben Operation, Hormontherapie, Chemotherapie und Bestrahlung auch die Beobachtung.
  • Bei der Untersuchung der Gewebeprobe aus der Prostata wurden nur wenige Krebszellen gefunden.
  • Der Prostatakrebs weist ein geringes Risikoprofil nach der D’Amico-Klassifikation auf.
Information

Risikoprofil nach der D’Amico-Klassifikation

Im Jahr 1998 entwickelte der Prostatakrebs-Experte Anthony D’Amico ein Verfahren, mit dem der Krebs anhand verschiedener Untersuchungsergebnisse bezüglich seines Risikoprofils eingeordnet werden kann. Das Risiko kann “gering”, “mittel” oder “hoch” sein. Es gibt Auskunft über die Wahrscheinlichkeit, mit der der Prostatakrebs voranschreiten (Progress) oder nach erfolgreicher Behandlung wieder auftreten (Rezidiv) wird. In die Risikoeinstufung werden der PSA-Wert, der Gleason-Score (Zahlenwert basierend auf einer Prostata-Gewebeprobe) und das TNM-Stadium (Einstufung des Krebs hinsichtlich seiner Ausbreitung im betroffenen Organ, des Lymphknotenbefalls und dem Auftreten von Streuherden in anderen Organen) einbezogen. Die Zuverlässigkeit dieses Risikoprofils ist durch viele Studien belegt worden. Sein Einsatz gehört zum Standard jeder Prostatakrebs-Behandlung und wird bei der Behandlungsplanung als wichtiger Faktor herangezogen.

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3. Wann kommt die aktive Überwachung nicht als Behandlungsoption in Frage?

Die aktive Überwachung kommt als Behandlungsoption dann nicht in Frage, wenn

  • der Patient eine andere Form der Behandlung wünscht.
  • eines oder mehrere Kriterien für die aktive Überwachung nicht erfüllt sind.
  • der Patient nicht in der Lage oder nicht bereit ist, sich den erforderlichen Kontrolluntersuchungen zu unterziehen.
  • während der aktiven Überwachung ein Fortschreiten des Prostatakrebs festgestellt wird.

4. Wie wird eine aktive Überwachung durchgeführt?

Bei der aktiven Überwachung werden in regelmäßigen Abständen Untersuchungen durchgeführt. So kann ein Fortschreiten der Erkrankung früh erkannt und gegebenenfalls der nächste Behandlungsschritt eingeleitet werden.

Hat der Patient die Diagnose erhalten und sich für ein abwartendes Vorgehen entschieden, erscheint er alle drei Monate zu Untersuchungsterminen bei seinem Urologen. Bei diesen Terminen werden zwei Untersuchungen durchgeführt, deren Ergebnisse dem Urologen einen Eindruck über den Verlauf der Krebserkrankung verschaffen.

Zum einen wird eine Tastuntersuchung der Prostata durchgeführt. Diese wird auch als digital rektale Untersuchung (DRU) bezeichnet. Dabei kann der Urologe Veränderungen in Größe, Form und Festigkeit des Prostata feststellen.Jedoch liefert diese Untersuchung relativ ungenaue Ergebnisse.

Für eine Einschätzung des Krankheitsverlaufs ist eine weitere Untersuchung erforderlich. Deshalb wird ebenfalls alle drei Monate der PSA-Wert im Blut gemessen und sein Verlauf dokumentiert. Verhält sich der PSA-Wert stabil, wird er im weiteren Verlauf alle sechs Monate bestimmt.

Sechs Monate nach Beginn der aktiven Überwachung wird oft erneut eine Gewebeprobe aus der Prostata entnommen und untersucht. Der Urologe muss feststellen, ob die Kriterien für ein abwartendes Vorgehen weiterhin erfüllt sind. In den ersten drei Jahren werden Gewebeproben alle 12 bis 18 Monate entnommen. Zeigt sich in den Untersuchungen, dass der Krebs nicht voranschreitet, werden Gewebeproben im weiteren Verlauf alle drei Jahre entnommen.

Der Urologe muss bei jeder Untersuchung neu einschätzen, ob die aktive Überwachung für den Patienten sinnvoll ist. Eine andere Behandlungsmethode sollte gewählt werden, wenn

  • der PSA-Wert sich in weniger als drei Jahren verdoppelt.
  • eines der Kriterien für die aktive Überwachung nicht mehr erfüllt wird.
  • der Patient den Wunsch nach einer anderen Form der Behandlung hat.

Tritt dieser Fall ein, entscheidet der Urologe zusammen mit dem Patienten über das weitere Vorgehen in der Behandlung.

5. Welche Vor- und Nachteile hat dieses Vorgehen?

Vorteile

Nachteile

  • Vermeiden einer Operation (radikale Prostatektomie) oder einer Bestrahlung, die vielleicht nicht notwendig gewesen wäre, weil der Tumor langsam wächst
  • Nebenwirkungen einer medikamentösen Hormontherapie oder Chemotherapie können hinausgezögert oder ganz vermieden werden
  • Patient gewinnt Zeit, sich nach der Diagnose über seine Erkrankung zu informieren und sich Gedanken über die für ihn beste Behandlung zu machen
  • belastender Gedanke, dass der Tumor im Körper verbleibt und nicht aktiv bekämpft wird
  • Risiko, den Zeitpunkt für den Beginn einer aktiven Behandlung zu verpassen mit der möglichen Folge einer geringeren Heilungschance

Vorteile

Nachteile

  • Vermeiden einer Operation (radikale Prostatektomie) oder einer Bestrahlung, die vielleicht nicht notwendig gewesen wäre, weil der Tumor langsam wächst
  • Nebenwirkungen einer medikamentösen Hormontherapie oder Chemotherapie können hinausgezögert oder ganz vermieden werden
  • Patient gewinnt Zeit, sich nach der Diagnose über seine Erkrankung zu informieren und sich Gedanken über die für ihn beste Behandlung zu machen
  • belastender Gedanke, dass der Tumor im Körper verbleibt und nicht aktiv bekämpft wird
  • Risiko, den Zeitpunkt für den Beginn einer aktiven Behandlung zu verpassen mit der möglichen Folge einer geringeren Heilungschance

6. Was sollte ich beachten, wenn bei mir die aktive Überwachung durchgeführt wird?

Mögliche Fragen an Ihren Urologen:

  • Ist die Überwachung für mich geeignet?
  • Was bedeutet die regelmäßige Überwachung für mich? Worauf muss ich mich einstellen?
  • Was machen wir, wenn der Tumor doch weiter wächst? Woran erkennen Sie das?
  • Erkennen Sie das Fortschreiten rechtzeitig?
  • Sind Kontrollbiopsien gefährlich?
  • Kann ich durch mein Verhalten (Sport, Ernährung, Entspannung) dazu beitragen, dass der Tumor langsamer wächst?
  • Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Strategie?

Wird bei Ihnen eine aktive Überwachung durchgeführt, haben Sie sich für ein abwartendes Vorgehen bei der Behandlung Ihres Prostatakrebs entschieden. Die aktive Überwachung kann auf Ihren Wunsch jederzeit beendet werden.

Durch die aktive Überwachung kann eine Behandlung mit Heilungsabsicht mit ihren möglichen Nebenwirkungen und unerwünschten Folgen hinausgezögert oder ganz vermieden werden. Der Gedanke, den Prostatatumor im Körper zu tragen ohne diesen aktiv zu bekämpfen, stellt für viele Patienten jedoch eine seelische Belastung dar.

Wenn Sie sich durch das Abwarten im Rahmen der aktiven Überwachung seelisch belastet fühlen, sollten Sie dies in jedem Fall Ihrem Urologen mitteilen. Nur so kann er Ihnen die entsprechende Unterstützung anbieten.

Viele Patienten empfinden es als hilfreich, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Ein solcher Austausch kann zum Beispiel im Rahmen einer Selbsthilfegruppe stattfinden. Auch Internetforen können Raum für einen Erfahrungsaustausch sein.

Hier ist jedoch Vorsicht geboten, da medizinische Informationen in Forenbeiträgen meist nicht auf Ihre Richtigkeit hin überprüft werden und zu Fehleinschätzungen bezüglich der eigenen Erkrankung führen können. Die Recherche im Internet ersetzt in keinem Fall die Behandlung durch einen Urologen.

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Autor

Magdalena Glawe

Magdalena Glawe ist Ärztin. Sie hat an der Charité in Berlin Medizin studiert und unterstützt das Viomedo-Team als Patientenbeauftragte. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Fotografie und japanischer Kultur.

Quellen

Rübben H. Uroonkologie. 6. Aufl. Berlin, Heidelberg: Springer; 2014: 575.

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Konsultationsfassung: Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, Lang-version 4.0, 2016 AWMF Registernummer: 043/022OL, http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Prostatakarzinom.58.0.html (Zugriff am: 27.06.2017)

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Patientenfassung: Prostatakrebs I - Lokal begrenztes Prostatakarzinom: Ein evidenzbasierter Patientenratgeber zu S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, 2.Aufl. Berlin: 2015. http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Prostatakrebs.71.0.html (Zugriff am 27.06.2017)

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